GreßAusbeutung auf Bestellung – „Österreicher findest‘ für die Arbeit keine.“
„Österreicher findest‘ für die Arbeit keine.“ Das auch als Untertitel gewählte Zitat bringt die im Buch behandelten Problemstellungen prägnant auf den Punkt. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der alles, was das Herz begehrt, nur einen Klick bzw eine Expresslieferung entfernt ist. Die Auswirkungen dieses Komforts für die damit verbundenen, vorrangig durch Migrant:innen erbrachten Dienstleistungen, bleiben für die meisten Konsument:innen allerdings mehr oder weniger verborgen. Selbst bei jenen Problemen, die immer wieder, etwa in Form von Fahrradbot:innen oder Paketlieferant:innen, die gehetzt durch die Stadt eilen, sichtbar werden, fällt es im Alltag oft leicht, nicht allzu genau hinzusehen.
Hier setzt das Buch „Ausbeutung auf Bestellung“ von Johannes Greß an. Ziel der Publikation soll es nach eigenen Angaben des Autors sein, „keine wissenschaftliche Abhandlung über Arbeitsbedingungen und Migration“ vorzunehmen, sondern viel mehr „so zu schreiben, dass es möglichst viele Menschen lesen und verstehen können“. Dieser angestrebte „Mittelweg zwischen Verständlichkeit und Präzision“ (S 18) ist Greß, so viel darf vorweggenommen werden, insb durch die Verbindung von Gesprächen mit Betroffenen (bzw diese Vertretenden) und wissenschaftlichen Erkenntnissen gelungen.
Das Buch ist, nach einer kurzen Einleitung, in drei Teile bzw damit einhergehend in drei Thesen gegliedert.
Im ersten Teil (S 19-142) beschreibt Greß die Arbeitsbedingungen von AN in der Paket- und Essenszustellung, im Rahmen der Plattformreinigung und in der Forstarbeit. Anhand der ausgewählten Beschäftigungsfelder wird gleich zu Beginn erklärt, wie systemrelevante, weitgehend von Migrant:innen geleistete Arbeit, oft unter den widrigsten Bedingungen, erbracht wird. Die im ersten Teil des Buches aufgestellte These des Autors lautet: Billige Produkte sind nur auf den ersten Blick billig, da die Gesellschaft als Ganzes die Folgen von Lohn- und Sozialdumping zu tragen hat. Greß beschränkt sich im ersten Teil des Buches aber nicht auf eine Beschreibung dieser gegenwärtig prekären Arbeitsbedingungen, sondern zeichnet darüber hinaus deren jeweilige Entwicklung nach. Dabei stützt sich Greß auf aktuelle Studien und Berichte, um die strukturellen Veränderungen und deren Auswirkungen nachvollziehbar darzustellen. Die Untersuchung der Arbeitsbedingungen endet damit aber nicht. Vielmehr finden sich am Ende der jeweiligen Kapitel Interviews, die der Autor mit Betroffenen sowie diese vertretenden NGOs oder Gewerkschaften geführt hat, und die dem Buch eine erfrischende Praxisnähe verleihen.
Besonders gelungen ist dem Werk die Verknüpfung der Darstellung prekärer Arbeitsbedingungen systemrelevanter Arbeitskräfte mit ihren (politischen und gesellschaftlichen) Ursachen. ISd zweiten These, dass prekäre Arbeitsbedingungen „kein Versehen“, sondern ganz im Gegenteil „Resultat politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen sind“ (S 14), nimmt der Autor im zweiten Teil (S 143-202) eine Beschreibung jener Machtverhältnisse vor, die prekäre Arbeit zulassen bzw gar fördern. In diesem geschichtlichen Abriss der Gewerkschaftsbewegung einerseits sowie der österreichischen Migrationspolitik andererseits veranschaulicht der Autor, warum es vor allem den Gewerkschaften oft schwer fällt, ihre Vertretungsarbeit auf atypische Beschäftigungsverhältnisse einerseits und die Arbeitsbedingungen von Migrant:innen andererseits auszurichten.
Abschließend schildert Greß im dritten Teil (S 203-242) Strategien und Instrumente zur Organisierung prekär arbeitender Menschen, um bestehende Verhältnisse verbessern zu können. Diese neuen Instrumente sind dem Autor entsprechend notwendig, da entsprechend der dritten im Buch vertretenen These „herkömmliche gewerkschaftliche Methoden wie Kollektivvertragsverhandlungen und Betriebstäte nur mehr bedingt geeignet“ sind (S 15). Hier präsentiert Greß zwar auch einzelne Maßnahmen, die zu einer Verbesserung von Arbeitsbedingungen vorrangig atypisch beschäftigter Migrant:innen führen können, legt den Fokus aber viel mehr auf generelle „Impulse“ (so auch der Titel des Kapitels) zu seines Erachtens notwenigen systemischen Änderungen. Die Aktualität dieser Impulse findet sich bspw auch in der Forderung, freie DN in Kollektivverträge aufzunehmen (S 232). Eine Forderung, die mit 1.1.2026 zumindest für freie DN gem § 4 Abs 4 ASVG (BGBl I 2025/75) Realität geworden ist. In welchem Umfang und vor allem in welcher Form vorrangig die Gewerkschaften von dieser Möglichkeit, bspw auch die Löhne und Gehälter von freien DN satzen zu können, Gebrauch machen werden, bleibt noch abzuwarten.
Auch wenn das Buch keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse liefert, liegt sein besonderer Wert in der analytischen Verknüpfung der Darstellung von Arbeitsbedingungen mit deren strukturellen Ursachen, wodurch es einen wichtigen Beitrag zu einer bereits lang geführten Debatte (hierzu bereits Lutz/Risak [Hrsg], Arbeit in der Gig-Economy [2017]) leistet. Neue Relevanz wird dem Thema auch im Lichte der bis Ende des Jahres umzusetzenden Plattformarbeits-RL (2024/2831), insb hinsichtlich der in dieser enthaltenen gesetzlichen Vermutung eines Arbeitsverhältnisses zugunsten der Personen, die Plattformarbeit leisten, verliehen.
Zudem greift Greß die Problematik der Einordnung atypischer Beschäftigungsformen in das aktuell bestehende System sowohl inner- als auch außerbetrieblicher Interessenvertretung und Mitbestimmung auf. Rasante Veränderungen in der Organisation von Arbeit führen in immer größerem Ausmaß zur Auflösung starrer Hierarchien und zur Etablierung „fluider Betriebe“, in denen die interne betriebliche Organisation schnell und flexibel gestaltet werden kann (Deinert, Herausforderungen der internationalen Arbeitswelt, DRdA 2022, 155). In diesem Zusammenhang wurde zuletzt auch vermehrt diskutiert, ob der herrschende AN-Begriff diesen neuen Realitäten noch gerecht werden kann (so etwa Mosler, Brauchen wir einen neuen Arbeitnehmer*innenbegriff? DRdA 2022, 119). Die Umsetzung der Plattformarbeits-RL ist hier ein wichtiger Schritt, wird das Problem aber nicht zur Gänze lösen können.
Ohne Saisoniers aus dem Ausland wäre bspw, wie die als Begleiterscheinung der Covid-19-Pandemie aufgetretenen Grenzschließungen gezeigt haben, die Landwirtschaft in Österreich nur schwer aufrechtzuerhalten. Gleiches gilt für viele andere, oft von Migrant:innen geleistete systemrelevante Tätigkeiten, etwa in der Pflege oder auch Reinigung. Diese Abhängigkeit von Arbeitskräften aus dem Ausland übersetzt sich allerdings nicht in tatsächliche Verhandlungsmacht dieser, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die damit zusammenhängenden Herausforderungen von Gewerkschaften gehen ua auch eindrucksvoll aus dem Interview mit dem dänischen Gewerkschafter Thorkild Holmboe Hay (S 107 ff) hervor. Seiner Gewerkschaft ist es im Jahr 2018 mit der „Hilfr-Vereinbarung“ erstmalig gelungen, einen KollV für plattformvermittelnde Reinigungskräfte (in Dänemark) abzuschließen. Dabei waren es aber nicht die Reinigungskräfte, die auf den Abschluss eines solchen KollV gedrängt haben, sondern vielmehr die Plattform selbst, die iSd Vermarktung einer „sozial verantwortlichen“ Plattform auf die Gewerkschaft zugekommen ist. Erschwert wurde der Abschluss, sowie Verhandlungen zu einer Aktualisierung des KollV, durch den fehlenden Zugang der Gewerkschaft zu den AN. Ergebnis ist ein der Gewerkschaftsbewegung eigentlich fremder Verhandlungsprozess ohne Dialog mit entsprechenden AN-Vertreter:innen.
Sind prekäre Arbeitsbedingungen nicht unvermeidbar (siehe These 2 des Autors), können diese auch wieder geändert werden. Hierfür erläutert Greß, dass vor allem die Machtressourcen von Migrant:innen iS ihrer organisations-, gesellschaftsrechtlichen und institutionellen Macht ausgebaut werden müssen. Die mit dem Buch gelieferten Impulse sind insb als Appell an Gewerkschaften, aber auch an die Gesellschaft zu sehen, sich nicht mit herrschenden Verhältnissen abzufinden, sondern vielmehr ändernd einzugreifen. Die auf „Normalarbeitende ausgerichtete Sozialpartnerschaft“ müsse dementsprechend atypische Beschäftigungsverhältnisse weiter öffnen bzw diese annehmen. Eine Herausforderung für eher am Systemerhalt orientierte Organisationen, die allerdings auch großes Potential, etwa für die Generierung neuer Gewerkschaftsmitglieder bietet (S 222).
Neben diesen notwendigen Neuerungen in der Struktur von AN-Vertretungen wird aber auch auf die Notwendigkeit der digitalen Vertretungsarbeit hingewiesen, um all jene erreichen zu können, die nicht in herkömmlichen „Arbeitsstätten“ angetroffen werden können (S 216). Eine Form der Interessenvertretung abseits physischer Belegschaftsversammlungen oder auch einem Schwarzen Brett im Betrieb, die nicht nur zulässig (so etwa der OGH in seiner rezenten Entscheidung zur Zulässigkeit der direkten Kontaktaufnahme des BR zu Fahrradbot:innen, OGH 6 ObA 2/23x EvBl 2025, 600 [Niksova] = RdW 2025, 489), sondern viel mehr geboten ist!
Das Buch ist insb für Leser:innen empfehlenswert, die sich bislang nur wenig mit den Arbeitsbedingungen atypisch Beschäftigter auseinandergesetzt haben. Durch seinen niedrigschwelligen Zugang öffnet Greß den Blick auf bestehende Probleme bzw schärft das Bewusstsein für in Österreich zum Teil immer noch unter den widrigsten Verhältnissen erbrachte Arbeit. Das Werk regt zum Nachdenken an, ohne dabei zu sehr mit Finger auf Verbraucher:innen zu zeigen. Vielmehr wird der Appell an Gewerkschaften und Politik gerichtet, sich gegen den Ist-Zustand zu entscheiden, denn „ein Problem mit politischen Ursachen braucht eine politische Lösung“ (S 208).