Wintermann/Daheim (Hrsg)Triple Transformation: New Work, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Konzepte – Erfahrungen – Zukunftsperspektiven
Dieser Sammelband, herausgegeben von Ole Wintermann (tätig ua bei der Bertelsmann Stiftung mit Schwerpunkt „Chancen der Digitalisierung“) und Cornelia Daheim (ua Gründerin und Inhaberin von Future Impacts, welche sich vorrangig mit dem Thema strategische Vorausschau beschäftigt), thematisiert drei Transformationsbewegungen, die Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt prägen: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und „New Work“ (daher „Triple Transformation“). In 22 Einzelbeiträgen werden die Schnittstellen, Synergien und Konflikte zwischen diesen drei Transformations-Linien untersucht.
Jeweils aus mehreren Beiträgen bestehende Abschnitte widmen sich folgenden Themen: Kontext und Relevanz der Transformationen in New Work und Nachhaltigkeit, praktische Erfahrungen mit der Realisierung der Transformationen, Grundsätzliches aus der betrieblichen Praxis, Erfahrungen aus der Wirtschaft, Einblicke in Verwaltung und Sozialwirtschaft sowie Zukunftsperspektiven und Erfolgsfaktoren.
Die praktisch allen Beiträgen zugrunde liegende Ausgangsthese ist, dass die Arbeitswelt einem tiefgreifenden Wandel unterworfen ist, nicht nur durch die Digitalisierung und den Einzug der New Work-Kultur in Unternehmen und Organisationen, sondern zunehmend auch durch die Notwendigkeit, das Wirtschaften nachhaltiger zu gestalten. Wie diese Veränderungen zusammenwirken und wie die New-Work-Prinzipien die nachhaltige und digitale Transformation beschleunigen können, wird aus verschiedenen konzeptuellen und praktischen Perspektiven beleuchtet. Im Vordergrund stehen jeweils auch die Schnittstellen und Synergien zwischen den einzelnen Transformationslinien.
Bestechend gelungen ist in diesem Werk die Vernetzung der Erfahrungen, Beobachtungen und Problemstellen aus der Sicht von hoch qualifizierten Praktiker:innen und aus der Wissenschaft, insb der sich am Horizont abzeichnenden neuen Generalwissenschaft einer stark daten- und AI-gestützten Zukunftsforschung (Komplexitätsforschung, Simulationen).
Die große Zahl an Einzelbeiträgen bedingt, dass im Folgenden leider nur einige Thesen und Ergebnisse dargestellt werden können, vor allem solche, die für den Leser:innenkreis dieser Zeitschrift auf besonderes Interesse stoßen könnten. Dies impliziert aber keine Bewertung der allesamt gehaltvollen und anregenden Beiträge.
Hervorzuheben ist der Beitrag von Daheim/Störmer („Zukunftsbilder von Nachhaltigkeit“). Er analysiert zehn relativ neue europäische Zukunftsstudien, die sich auf die „Triple Transformation“ Digitalisierung, Nachhaltigkeit und New Work konzentrieren. Generalthese ist die nicht gerade originelle Aussage „The future of jobs is green“. In den analysierten Studien geht es um Zukunftsbilder, das Ausmaß des Wachstums von „green jobs“, die Veränderung der Arbeitsformen, die Herausforderungen, die sich im Fall einer Umstellung in eine Kreislaufwirtschaft stellen (Reparatur und Weiternutzung, digitale Service-Ökonomie), um neue Fähigkeiten und Kenntnisse, die in diesen Transformationen benötigt werden, um gesellschaftliche und regionale Ungleichheiten. Durchaus überraschend ist die Erkenntnis, dass eine hohe Übereinstimmung zwischen digitalem Instrumenteneinsatz und nachhaltigkeits-orientiertem Arbeiten besteht. Als zentrale Ressource erweist sich die Optimierung von Prozessen durch Monitoring und Datenanalytik. Durch Verbesserungen in Richtung Kreislaufwirtschaft sei durch Vertiefung von Reparatur und Weiterverwendung ein erheblicher Arbeitskräftezuwachs zu erreichen. Gleiches gilt für die Digitalisierung der Service-Ökonomie. Dabei werden vermehrt Datenanalysten und -manager gebraucht, um Sharing-Netzwerke zu orchestrieren und ein verstärkter Kundenkontakt erfordert eine Verbesserung der Soft Skills. Hervorgehoben wird die Unterscheidung zwischen Überwachung, die psychische Belastungen mit sich bringen, und Monitoring-Formen, die grundrechtskonform effektiv sein kann und als Hilfe für die Arbeitskräfte organisiert sein kann.
Besonders lesenswert ist der Beitrag von Philipp V. Ramin („Arbeitest du noch oder lernst du schon“). Als top skills werden etwa genannt: Analytisches Denken, kreatives Denken, Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Agilität, Neugierde und lebenslanges Lernen, Einfühlungsvermögen, aktives Zuhören und ähnliche. Das klingt euphorisch, es wird dabei aber mE übersehen, dass das Kapital dadurch intensiver auf die psychische, emotionale und höchstpersönliche Sphäre verwertend zugreift und damit ein neues Ausbeutungsfeld eröffnet. Folge ist eine (digital und vor allem AI-gestützte) neuartige nur scheinbar selbstbestimmte Diktatur in der Arbeitswelt, analog zur Ausbeutung und Formierung der Psyche im Konsumbereich. Diskussionswürdig scheint mir auch die These des Autors, generative Künstliche Intelligenz befeuere Skills im Kontext der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich vermisse hier so wie auch in anderen Beiträgen eine kritische Auseinandersetzung damit, dass sich die neuen Arbeitsformen als raffinierter Ausbeutungstypus in mentale und emotionale Bindungen quasi einschleichen und Widerstandspotenziale damit erodiert werden. Damit wird ohne besondere Änderungen der Rechtsordnung das „alte“ erfolgreiche Arbeitssystem letztlich demontiert.
Ähnliche Illusionen finden sich im Beitrag von Karim Fathi („Kollektive Steuerung als Steuerungsmodell für die „zukunftsfähige Organisation“ im 21 Jahrhundert?“). Für ihn sind zukunftsfähige Organisationen lernende, resiliente und integrale Organisationen. Letztlich handelt es sich im Ergebnis um Konzepte der optimalen Nutzung der „Subjektivität“ der Beschäftigten und die „Assimilation“ der schmalen Restbestände an Klassenbewusstsein an die kapitalistische Verwertungslogik. Damit wird gesichert, dass in einer voll digitalisierten Informations- und Wissensgesellschaft Mehrwerterzeugung und Profitoptimierung weiter funktionieren.
Wrobel/Moser bieten einen ausgezeichneten Einstieg in die Theorie der Foresight-Potenziale (am Beispiel der „Twin-Transformation“) in Verbindung mit Handlungsfeldern, Methoden und Einsatzmöglichkeiten.
Voll zuzustimmen ist die Fokussierung von Berkler/Lagé („Ein Blick in die regenerative Zukunft“) auf die Fragestellung, wie man mit den Zielkonflikten zwischen Gewinnorientierung und Nachhaltigkeitsanforderungen umgehen soll. Sie nennen als Schlüssel dafür Komplexitätskompetenz und Interdependenzkompetenz. Als Leitbild schwebt den Autor:innen vor, dass Profit und Impact nicht mehr im Widerstreit miteinander stehen, sondern die Erzielung eines ökonomischen Gewinns (nur) dann erstrebenswert ist, wenn dieser gleichzeitig zur Gesundheit des Gesamtsystems beiträgt. Digitalisierung sei als Werkzeug für eine zukunftsfähige, menschzentrierte und regenerative Wirtschaft zu nutzen, die über reine Effizienzsteigerung hinausgeht. Es gehe also nicht nur um ökonomische, sondern immer auch um gesellschaftliche Innovation („mit dem Planeten mitfühlen“).
Das hier vorgestellte anspruchsvolle und methodisch überzeugende Werk bietet eine vorerst praktikable Vision, wie die heute als krass gegensätzlich angesehenen Zukunftsmodelle Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und „gute Arbeit“ miteinander vereinbart werden können. Im Fokus steht dabei eine neue Unternehmenskultur. Es wäre wünschenswert, die zT spannenden Ansätze des Buchs auf die rechtspolitische und verfassungsrechtliche Ebene anzuwenden. Der Band leitet zum Denken und hoffentlich auch zum Handeln ein. Am Ende verweisen die Herausgeber:innen ganz zu Recht auf den bestehenden Zeitdruck.
Letztlich zeigt das Werk aber auch ein Dilemma: Um die Ziele Profitökonomie und Nachhaltigkeit gleichzeitig zu erreichen, bedarf es der Instrumente von „New Work“, die letztlich untrennbar mit einer aus meiner Sicht fatalen Deregulierung des Arbeitsrechts und einer Singularisierung des Faktors Arbeit verbunden ist. Eine Arbeitsgesellschaft sieht anders aus, sie lebt von kollektiver Macht. Nachhaltigkeit unter kapitalistischen Bedingungen lässt sich so gesehen systemisch nur mit Hilfe neuer Ausbeutungsformen realisieren. Eine bittere Erkenntnis, zu der dieses Buch gehaltvoll beiträgt.
Klaus Firlei ist nach der Fertigstellung der Buchbesprechung überraschend verstorben (vgl dazu den Nachruf auf S 243).