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Neue Bücher

Dommann/Flores/Schulz/Teuscher (Hrsg)Arbeit im Wandel – Travail en mutation

Chronos Verlag, Zürich 2024, 296 Seiten, broschiert, € 38,-

Das zu rezensierende Schweizerische Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte widmet sich ganz dem Thema Arbeit. In elf Artikeln werden in diesem Sammelband nicht nur die Veränderungen der Arbeitswelten beschrieben, sondern auch das Verständnis von Arbeit an und für sich untersucht. Dabei werden die Beiträge bereits in der Einleitung grob in drei Kategorien gegliedert:

Einerseits widmen sich mehrere Beiträge der Historizität der Vorstellungen und Konzepte von Arbeit. Eine weitere zentrale Frage ist die Erörterung des Zusammenhangs zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Organisation von Arbeit. Schließlich steht auch das Zusammenspiel zwischen räumlicher Mobilität und Handlungsspielräumen bei der Ausübung von Arbeit im Fokus. Aber der Reihe nach:

So startet Auderset mit der Aufarbeitung der Herausforderungen einer wissenschaftlichen Durchdringung der landwirtschaftlichen Arbeit. Dabei wird sehr überzeugend geschlussfolgert, dass Taylor und seine Ausführungen zur industriellen Arbeitswissenschaft erst die Komplexität der agrarischen Arbeit sichtbar machten. Aufgrund einer Vielzahl von Umständen, wie etwa der Unterschiedlichkeit von Arbeitsbewegungen oder Witterungsbedingungen, waren die Produktivitätsparadigmen der Industriearbeit nämlich nicht einfach auf den Agrarbereich umlegbar.

Burri widmet sich in ihrem Beitrag einer stark marginalisierten und auch wenig erforschten Gruppe am Arbeitsmarkt: Migrantische Hausangestellte. Sie schildert die Prekarität der Arbeit und beispielsweise auch, wie ein Stellenwechsel zwar eine existentielle Gefahr bedeuten konnte, gleichsam aber eine Chance auf den Ausbruch aus miserablen Arbeitsbedingungen.

In einem weiteren Beitrag untersucht Schüller die Arbeitsbedingungen in Schweizer Telefonzentralen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Spannend ist dabei vor allem, dass sie sich dem Thema über Bild- und Textquellen nähert und ihr Plädoyer für die Rekonstruktion von nicht mehr bestehenden Arbeitsräumen, um ein besseres Bild der Arbeitsverhältnisse zu bekommen, formuliert.

Ins Druckgewerbe der 1960er-Jahre und einhergehende gewerkschaftsinterne Debatten des Umbruchs führt der Autor Deshusses (bedauerlicherweise nur auf Französisch).

Richter wirft den Blick ins Niederösterreich der Ersten Republik: Dabei behandelt sie die durchaus herausfordernde Frage der sozialversicherungsrechtlichen Stellung der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen nach dem Ersten Weltkrieg und den behördlichen Versuchen zur Ordnung der Verhältnisse.

Im englischsprachigen Beitrag von Kaufmann geht es um die Transformation des Wissens über den Reisanbau in China.

Melone widmet sich den Auswirkungen medientechnischer Entwicklungen auf Arbeitsfelder anhand der Entstehung und dem Verschwinden des Berufsfeldes von Mediendokumentalist:innen.

Auch Ujpétery widmet sich diesem Thema. Bezogen auf die Größe der betroffenen Gruppe dreht sich der Beitrag allerdings um eine weit folgenschwerere technische Umwälzung: Die Einführung der maschinellen Spinnerei und die damit einhergehende Arbeitslosigkeit und Verarmung vormaliger Handspinner:innen.

Bei Moser/Schiedt steht vor allem der Einsatz von Arbeitstieren im Zentrum der Betrachtungen. Dabei arbeiten sie scharf heraus, dass die Eisenbahn und das Automobil den Einsatz von Tieren nicht sofort verdrängten, sondern Tiere lange Zeit weiterhin ergänzende Rollen im Transportgewerbe einnahmen.

Wenger wiederum analysierte Fotografien eines großen britischen Ölunternehmens aus dem beginnenden 20. Jahrhundert und wies in seinem englischsprachigen Beitrag auch die Wirksamkeit der Fotografie als Mittel zur Festigung eines Klassenbewusstseins.

Miguez zeigt, wie im 17. Jahrhundert im kolonialen hispanischen Amerika der Umstand der Abstammung als Kriterium verwendet wurde, um Personen zu Zwangsarbeit zu verpflichten.

Schließlich setzt sich Yersin in seinem französischen Beitrag noch mit einem Thema auseinander, das im Rahmen der COVID-Krise wieder eine gewisse Renaissance erlebte: staatliche Regulierungen am Arbeitsplatz zur Eindämmung von Infektionskrankheiten in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Insgesamt verdeutlicht dieses breite Potpourri an Themen die interessante Vielschichtigkeit des Sammelbands und gleichzeitig auch die (sprachlichen und interdisziplinären) Herausforderungen, die mit einer vollständigen Lektüre aller Beiträge einhergeht. Die Lektüre lohnt sich aber jedenfalls, da der Sammelband viele vorherrschende Vorstellungen hinterfragt und teils auch widerlegt sowie sich mit Themenstellungen auseinandersetzt, die man auch in wissenschaftlichen Arbeiten in dieser thematischen Breite selten antrifft.

SASCHA OBRECHT